Übermüdet durch Hiroshima

Am Abend kam ich nach einer weiteren Busfahrt aus Kagoshima wieder in Fukuoka an. Dort traf ich mich zunächst mit einer Freundin zum Abendessen, da ich noch ein paar Stunden Zeit hatte, bis mein Bus fuhr. Ich wollte nämlich einmal das Experiment Nachtbus wagen, die wohl günstigste Möglichkeit um einmal durch halb Japan zu fahren. Der Bus fährt erst sehr spät abends ab, meistens um 10 Uhr und man kommt früh am nächsten Morgen an, und da er die ganze Nacht unterwegs ist spart man sich gleichzeitig ein Hotelzimmer. Mit dem Nachtbus wollte ich also als nächstes nach Hiroshima, mir dort einen Tag die Stadt anschauen und dann weiter nach Kyoto fahren, wo ich zurzeit übrigens wohne.

Nachdem ich irgendwie meinen Koffer in den Stauraum unter dem Bus bekommen hatte, stieg ich ein und musste feststellen, dass ich den Sitz ganz vorne hinter dem Fahrer bekommen hatte. Beinfreiheit also gleich null. Ich machte es mir so gut es ging bequem und deckte mich zu. Ich stellte mir sogar den Wecker, damit ich meine Haltestelle nicht verschlief – falls ich den schlafen sollte.
Am Ende machte ich allerdings kein Auge zu. Die Fahrt kommt definitiv in die Top 3 der schrecklichsten Nächte meines ganzen Lebens – es war unbequem, kalt, laut und die Stunden zogen sich unendlich lange dahin. Für mich gibt es nichts schlimmeres als nicht einschlafen zu können. Zum Glück hatte ich mir vorher einige Hörbücher auf den MP3-Player kopiert, so dass ich wenigstens etwas zum hören hatte während ich mich von einer auf die andere Seite drehte und hoffte, dass die Stunden endlich vergingen. Eigentlich hätte ich eine Sitznachbarin gehabt, da aber noch Plätze frei waren konnten wir uns anders verteilen und so hatte ich wenigstens zwei Plätze für mich – was aber nicht sehr viel half.

Um 5 Uhr morgens (es wurde gerade wieder hell) kamen wir dann in Hiroshima an, wo ich am Südbahnhof ausstieg. Ich war natürlich schon jetzt einfach nur erledigt, hungrig und erschlagen, so wie man sich eben nach einer Nacht ohne eine Minute Schlaf fühlt.
Mit meinem Koffer stapfte ich unterirdisch zur Straßenbahnhaltestelle – und fand dort keinen Aufzug. Um diese Zeit war kein Mensch dort, gerade fuhr die erste Straßenbahn. Mir blieb also nichts anderes übrig als meinen Koffer die Treppe hochzuhieven und das Stufe für Stufe, weil ich ihn nicht länger tragen konnte. Vor Frust, Schmerz in den Armen und Müdigkeit traten mir etwa nach der Hälfte der langen Treppe die Tränen in die Augen, aber irgendwie schaffte ich es nach oben. Zum Glück kam gerade die Straßenbahn, die allerdings nicht barrierefrei war… also musste ich wieder den Koffer Stufen nach oben hieven.
Mürrisch fuhr ich dann zum Hauptbahnhof. Mein Start in Hiroshima hätte nicht schlimmer sein können und mir war fast schon die Lust vergangen, mir die Stadt überhaupt anzuschauen. Trotzdem riss ich mich zusammen, verstaute meinen Koffer in einem der Schließfächer und fuhr, nachdem ich ein Bento gefrühstückt hatte, mit der Straßenbahn zu meinem ersten Anlaufpunkt in Hiroshima, der Insel Miyajima.

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Miyajima (宮島) ist eine Insel vor der Küste Hiroshimas und gilt als eine von Japans schönsten Landschaften. Mit einer Fähre (mit Fähren kannte ich mich ja mittlerweile gut aus) setzte ich auf die Insel über.
Besonders bekannt ist Miyajima einerseits für den Itsukushima Schrein, dessen großes rotes Torii sowie für das zahlreiche Wild, das wie in der Stadt Nara überall auf der Insel frei herumläuft
und sich an Menschen gewöhnt hat. Sie lassen sich gerne streicheln und vor allem füttern.

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Als erstes bin ich an der Bucht entlang nach rechts gelaufen, da sich laut Karte dort die meisten Sehenswürdigkeiten befanden. Um diese Zeit waren noch nicht so viele Touristen auf der Insel, was wieder sehr angenehm war.
Als erstes habe ich Halt am riesigen, berühmten Torii gemacht, dass man wohl in jedem Bildband und Kalender über Japan finden kann. Das Besondere: Bei Flut steht alles bis zum Schrein komplett unter Wasser, bei Ebbe geht das Wasser so weit zurück das man sogar bis dorthin laufen kann. Ich war bei Flut dort, deswegen stand alles bis zur Mauer unter Wasser und Fischerboote fuhren gerade raus aufs Meer.

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Dann bin ich zum Itsukushima Schrein gegangen. Diesen fand ich wirklich interessant; auch hier steht alles bei Flut bis an den Rand der Brücken und Stege unter Wasser und es sieht aus, als ob der komplette Schrein auf dem Wasser schwimmt.

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Anschließend bin ich etwas in den Straßen herumgelaufen und dann zum Aquarium gegangen, dass es auch auf Miyajima wieder gibt. Obwohl ich erst wenige Tage zuvor auf Okinawa und in Kagoshima in den Aquarien war, bin ich auch hier wieder hineingegangen. Es war relativ klein, aber die Becken waren schön und den Souveniershop hätte ich leer kaufen können 😉
Danach bin ich noch eine Weile durch den angrenzenden Wald gelaufen. Mittlerweile war ich wacher und meine Laune wieder um einiges besser, weil es mir in Miyajima sehr gut gefallen hat.
Als ich auf Miyajima so ziemlich alles gesehen hatte, war es schon nach Mittag. Da mir nur ein Tag für Hiroshima blieb, musste ich zurückfahren oder ich hätte zeitlich nicht mehr alles geschafft.

Im Anschluss ging es dann wieder zurück nach Hiroshima und ich widmete mich der Geschichte der Stadt. Nachdem ich ein bisschen Probleme hatte, die richtige Straßenbahn zu finden, stand ich irgendwann vor dem Atombomben-Dome. Wie Nagasaki war Hiroshima im zweiten Weltkrieg Opfer eines Atombombenangriffes. Der Dome war das einzige Gebäude im Stadtzentrum, dass nach dem Abwurf der Bombe noch stand, da es sich genau unter der Abwurfstelle befand. Der Anblick war schon sehr bedrückend.

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Auf der anderen Seite des Flusses befindet sich der Friedenspark. Leider hatte ich an diesem Tag aber absolutes Pech und konnte mir von da an nichts mehr in Ruhe anschauen – ich war nämlich ausgerechnet an einem Wandertag der Schulen dort und daher strotzte der Park nur so voll Schulkindern.

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Diesen stehe ich hier in Japan übrigens etwas zwiegespalten gegenüber, vor allen kleinen Jungs. Denn jedesmal wenn ich einer kichernden Gruppe von Schuljungen begegne, höre ich zu 80% einen doofen Spruch – der meistens nur aus dem einzigen englischen Wort besteht das sie zu kennen scheinen, nämlich „Hello„. Je nach Laune reagiere ich darauf unterschiedlich – ab und zu tue ich ihnen den Gefallen und antworte auf Englisch, um ihr Bild des nur englischsprechenden Ausländers nicht zu zerstören. Manchmal ignoriere ich sie einfach und grinse nur doof zurück, aber am liebsten antworte ich irgendetwas auf Japanisch, weil darauf immer eine lustige Reaktion folgt.

Nachdem ich mir auf einer Parkbank mein spätes Mittagessen in Form von ein paar Sandwiches aus dem Konbini einverleibt hatte, ging ich vorbei an nervenden Schulklassen und etwa 50 „Hello’s“ (ja ich ließ ihnen ihren Spaß) zur Peace Memorial Hall. Diese Halle hat man zum Andenken an die Opfer des Atombombenabwurfs errichtet. Die Halle fand ich schöner gestaltet als in Nagasaki.

Als ich danach allerdings zum Friedensgedenkmuseum von Hiroshima (平和記念資料館) kam, war ich ein wenig enttäuscht. Das Museum in Nagasaki hat mir persönlich besser gefallen, das Museum in Hiroshima fand ich ein wenig unübersichtlich. Vielleicht lag es aber auch daran das ich mich ununterbrochen an Schulkindern vorbeiquetschen musste, die mithilfe der Ausstellungsstücke Arbeitsblätter ausfüllen mussten, sodass ich den Besuch nicht wirklich genießen konnte. Außerdem wird ein Teil des Museums gerade renoviert. Ich war trotzdem froh das ich dort war und es einmal gesehen habe.

Da es mittlerweile Nachmittag war und ich alles gesehen hatte, was ich mir vorgenommen hatte, fuhr ich zurück zum Hauptbahnhof und holte meinen Koffer ab. Dort kaufte ich mir auch gleich mein Zugticket nach Kyoto für den nächsten Tag – und gönnte mir dieses eine Mal nach der Nacht im Nachtbus sogar die teure Fahrt mit dem Shinkansen 😉
Das Hotel zu finden war diesmal nicht so einfach – ich hatte eine Nacht in einer billigen Absteige im Nirgendwo gebucht, weil sonst fast kein Zimmer in der Stadt mehr frei gewesen war. Dies war auch der Grund, warum ich nur einen Tag in Hiroshima hatte.
Nachdem ich mich einmal verlaufen hatte und wieder ein ganzes Stück in die andere Richtung zurücklaufen musste (natürlich wohlgemerkt mit meinem Koffer), kam ich irgendwann Gott sei Dank am Hotel an und ging an diesem Tag ziemlich früh zu Bett – immerhin hatte ich Schlaf nachzuholen.

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2 Gedanken zu “Übermüdet durch Hiroshima

  1. Ich bin auch letzten Monat mit dem Nachtbus nach Kamakura gefahren (und zurück). Aber ich fand es nicht so schlimm. Ich hab zwar auch nicht wirklich schlafen können, aber immerhin bin ich öfters weggedöst.
    Und ich hatte das Gefühl, dass es sehr viel Beinfreiheit gab. Ich weiß zwar nicht, wie der Sitz direkt hinter dem Busfahrer ist, aber ich konnte meine Beine gut ausstrecken.
    Schade, dass es bei dir nicht so war :/
    Nach Hiroshima muss ich auch unbedingt noch. Es gibt noch so viele Orte, die ich gerne besuchen würde :/ Aber noch hab ich ja ein bisschen Zeit 🙂
    Das mit den Schulklassen kenne ich. Meist antworte ich auch einfach nur Hello zurück und winke oder so haha.

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    • Es kommt bestimmt auf den Bus an, ich bin ja hier auch schon öfter Langstreckenbusse gefahren und die waren alle total in Ordnung, aber dieser Nachtbus war wirklich nicht so das Wahre :/
      Ja, ich habe auch noch so einige Orte auf der Liste 😉

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